Unser Theater ist die Stadt
Theater ist Austausch. Nicht nur intellektuell sondern vor allem emotional. Nur wenn der Zuschauer sich emotional angesprochen fühlt, wenn er sich ertappt fühlt, wenn er überrascht wird von seiner eigenen Reaktion, nur dann geht er über das Konsumieren von Theater hinaus. Nur dann kann das Theater in vielen Einzelschicksalen die Welt verändern. Muss deshalb der Alltag zur Geschichte werden? Ja. Die Stoffe liegen auf der Straße. Sie finden sich an der Kasse im Supermarkt, in der U-Bahn, beim Spaziergang im Park, am Küchentisch.
2006 gründeten Ursula Bergmann, Philippe Goos, Anna Rudolph, Ramona Rauchbach, Miriam Reimers und Marco Štorman die Gruppe Kulturfiliale. Seit 2011 steht die künstlerische Leitung unter Philippe Goos, Ramona Rauchbach, Marco Štorman und Nils Zapfe.
Neben unserer Arbeit als Regisseur, Schauspieler, Dramaturgin, Bühnen- und Kostümbildnerinnen an den staatlichen und städtischen Theatern machen wir uns den Schlachtruf „Unser Theater ist die Stadt“ zum Motto und setzen uns mit dem unmittelbaren Lebensraum der Menschen und ihrem Alltag auseinander. Mit unseren Theaterprojekten durchbrechen wir die Monotonie des Alltags und schärfen die Wahrnehmung der Menschen in ihrer Stadt, auf ihre Stadt, ihren Lebensraum und machen das unscheinbar Alltägliche wieder neu erfahrbar.
Theater im Alltag verorten heißt, jeden Passanten zum Zuschauer werden zu lassen; er wird konfrontiert mit Schicksalen und Situationen, die ihn selbst spiegeln und zum Innehalten und Neudenken herausfordern. Er bewegt sich durch sein eigenes Bühnenbild – die Stadt –, ohne davon zu wissen. Durch die Konfrontation mit neuen Figuren, Stoffen und Geschichten verändern sich vertraute Räume, verschieben sich Sichtweisen, öffnen sich neue Möglichkeiten der Wahrnehmung. Unsere Arbeit ist gleichzeitig eine Erkundung der Grenzen von Theater. Wo hört Theater auf und fängt Leben an? Wir wollen ohne die Beschränkung durch komplexe Strukturen und aufwendige Apparate das Grundelement von Theater, den originären Moment der Darstellung selbst, untersuchen und in die Lebenswirklichkeit der Menschen integrieren: Geschichten erzählen ohne trennende vierte Wand, direkt und unmittelbar.
So lud der Triebtäter Sebastian Thiel Menschen in seine Wohnung ein, um ein Geständnis abzulegen und die Besucher zu Mitwissern zu machen. So zerrte der gerade arbeitslos gewordene Michael Schulz sein Hab und Gut in Hannovers Fußgängerzone, um es zu versteigern und sein Schicksal herauszuschreien. So kletterte Hendrik Pohl im September 2009 gleich dem verhungerten Hans-Peter Z. auf einen Hochsitz in der Innenstadt, um dort für eine Woche die Nahrungsaufnahme zu verweigern. So gründeten wir die Eventagentur Greenworks, um der Entspannungslüge auf die Schliche zu kommen, und so hat Sabrina Schmidt in ihrem Wohnzimmer mitten auf dem Melbourne City Square in Australien im Februar 2011 mit allen Vorurteilen und Klischees beladen, zum Kaffeekränzchen eingeladen, um zu hinterfragen, ob es so etwas wie nationale Identität eigentlich gibt. All diese Personen sind erfundene Figuren, entwickelt mit Schauspielern auf der Grundlage von Recherchen und Beobachtungen. Die Passanten werden durch die Begegnung zu Teilhabern dieser Lebensgeschichten. Ihre Zeugenschaft konfrontiert sie unmittelbar mit der Frage nach der eigenen Verantwortung.
Theater ist Austausch. Aber nicht nur zwischen den Zuschauern und der Bühne. Sondern auch innerhalb des Theaters selbst. Wir wollen mit anderen Theatermachern in einen Diskurs treten über unser Schaffen. Nur im Austausch können wir uns weiterentwickeln. Nur wenn wir über unseren eigenen Tellerrand schauen, bleibt das Theater in Bewegung und verkommt nicht zu einer gelangweilten Form von Reproduktion und Selbstzitat. Deshalb wollen wir mittelfristig ein Netzwerk junger Theatermacher gründen, das im gemeinsamen Geist Projekte entwickelt und austauscht. Wir wollen ein Netz von Kulturfilialen auf der ganzen Welt schaffen: um gemeinsam zu denken, zu streiten, auszuprobieren. Vor allem: um gemeinsam etwas zu wagen.
Eine mögliche Welt ist anders. Über das `Stadt-Theater´ der freien Gruppe Kulturfiliale. Von Karoline Hoefer
Leben und Kunst zu fusionieren: Das setzen und setzten sich viele Künstler als Ziel. Dabei öffnen sich manchmal Kunsträume für unsere Alltagswelt, manchmal öffnet sich unsere Alltagswelt für Raumkünste. – Nicht auf freiem Feld, sondern im urbanen Raum stand der Jäger-Hochsitz, den die Gruppe Kulturfiliale im Sommer 2009, mit dem Beginn unserer Spielzeit aufgebaut hatte. Auf dem Platz der Weltausstellung lebte unser Schauspieler Philippe Goos einige Tage in diesem Hochsitz. Die installative Performance „Da ist nichts leer, alles voll Gewimmels“ stellte die reale Geschichte eines Mitbürgers vor, der 2008 am Stadtrand von Hannover, im Deister, auf einem Hochsitz in den selbst gewählten Hunger-Tod gegangen war. Inmitten der Fußgängerzone finden gewöhnlich eher Werbe-Aktionen anstelle solcher Inter-Aktionen statt. Im Gewimmel aus Passanten und Konsum war man zum Gespräch, zur Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Gegenüber eingeladen.
Ein individuelles Schicksale wurde an einen öffentlichen Ort getragen, an dem sich sonst anonym die Gesellschaft aneinander vorbeischiebt. Den Hochsitz gerade in die City zu stellen, das war ein Angebot an die Stadt, die Menschen, sich ihr Leben und das ihrer Mitmenschen wieder bewusst zu machen. Das ist es, was Theater tut, es funktioniert nicht nur als Spiegel der Gesellschaft, sondern lockt die Aufmerksamkeit auf Phänomene in ihr, die so disparat sind, dass wir sie sonst nicht wahrnehmen würden, auch wenn wir täglich damit konfrontiert sind. Der Hochsitz als Beobachtungsort, der zugleich nicht entrückt, sondern unter uns, inmitten der Menschen ist, trifft das sehr genau: die Wechselbeziehung aus Analyse und sinnlicher Erfahrung. Von Angesicht zu Angesicht sprach man mit Philippe Goos auf dem Hochsitz. Der Schauspieler verkörperte ein Gegenüber, auf Basis einer realen Geschichte, die sich in der Abgeschiedenheit des Waldes vollzogen hatte und nun ins Zentrum gerückt war.
Obgleich dieser ebenso wie früheren Arbeiten der Kulturfiliale dokumentarisches Material, eine wahre Tragödie, zugrunde liegt, geht das, was Kulturfiliale macht, über dokumentarisches Theater hinaus. Man muss eher von einer künstlerischen Aneignung realer Begebenheiten sprechen. Der tatsächliche Fall des Hans Peter Z., auf den die Kulturfiliale durch Presseberichte aufmerksam wurde, wurde nicht eins zu eins dar- oder gar ausgestellt. Das Wissen um den langsamen Suizid vollzog sich vielmehr in der Vorstellung.
Hans Peter Z. wurde in Phillippe Goos zu Hendrik Pohl.
Eine Skizzierung der Entstehungsgeschichte. Vom drinnen und draußen
Dem zeitweiligen Rückzug von unserem Ensemblemitglied aus den wogenden Worttürmen auf der Bühne auf seinen Hochsitz inmitten der Stadt ging eine intensive Vorarbeit mit der Kulturfiliale voraus: Als Philippe Goos und Marco Štorman sich kennen lernen, ist Štorman Regieassistent und Goos Schauspielschüler. Zum gemeinsamen Rollenstudium suchen sie interessante Figuren in der Dramenliteratur und landen bei Büchners Woyzeck. Das Innere dieser Figur wollen sie nach außen tragen. Zunächst verschanzen sie sich dazu jedoch im Keller unserer Probenräume hinter papierenen Recherche-Stapeln. Zu dieser Zeit stößt Goos auf einen Spiegel-Artikel über den Hannoveraner Triebtäter, den Mörder Sebastian Thiel. Als man dessen realen Fall mit „Woyzeck“ verweben will, entspinnen sich Fragen nach den Grenzen von Theater und nach der Zuschauer-Situation. In den Mittelpunkt rückt zwischenzeitlich der Wunsch nach der Auflösung der Zuschauergrenzen.
Von der Faszination für die Dramatik Georg Büchners bleibt, neben der Ideenentwicklung zur ersten Figur des Triebtäters Thiel, nur der Titel des ersten großen Projekts: „Still, alles still, als wäre die Welt tot“ ist ein Zitat aus Büchners Woyzeck. Alle Titel ihrer Projekte gründen auf Büchner. Das anstehende: „Wie der Mond rot aufgeht. Wie ein blutig Eisen“ (aus Leonce und Lena) beschließt eine Trilogie. Büchners Zeilen beschreiben auf poetische Weise Zustände, die Kulturfiliale mit anderen Mitteln zeigen möchte.
Büchner steht mit seiner Geschichte und seiner Dichtung auch für die gesellschaftliche Erneuerung. Man denke nur an sein Stück Dantons Tod, seine Auseinandersetzung mit der Juli-Revolution, die sezierende Sprache Büchners, ein Instrument mit dem der Dramatiker in seinen Stücken die sozialen Verhältnisse offen legt... Ist dies womöglich ein Bindeglied zum gesellschaftskritischen Ansatz der Gruppe? Könnte das eine Referenz an eine bestimmte Form des Theaters, wie es auch Kulturfiliale treibt: Das Skalpell der ästhetischen Analyse in die Hand zu nehmen, um damit den klassischen Theaterraum zu verlassen und sich den sozialen Raum anzueignen. Die Verbindung zu Büchner ist vielleicht der Mensch selbst als sozialer Körper. Denn, um ehrlich zu sein, diese Stadtraum-Intervention ist per se nicht neu und zeichnet sich hier und vor allem durch einen gesunden ungetrübten Idealismus am und für den Menschen aus.
Štorman sagt, „Ich baue Figuren immer von innen nach außen.“ So verfährt nun die Kulturfiliale auch bezüglich des Spielorts: Sie gehen von drinnen nach draußen, aus dem Theater in die Stadt. Ihre theatralen Projekte, die Interaktion nicht vermeiden, öffnen neue Räume für ein sehr privates politisches Theater und bringen im Ungeheuer des Individuums Ungeheuerlichkeiten unserer Gesellschaft auf den Punkt, verweisen auf die Missstände unserer Lebensform, in unserem Lebensalltag. Ein anderes Zusammenleben ist möglich, am Beispiel einzelner Fälle fordert das die Kulturfiliale ja ex negativo ein.
Der Spieler
Wenn Philippe Goos von der Figuren-Findung spricht, erzählt er davon, wie er mit dem jungen Regisseur Marco Štorman Fahrrad-Touren unternimmt. Nachdem sie endlos gelesen und gesprochen haben, fahren sie gemeinsam über’s Land. Bei diesen Ausflügen ist Goos als Figur unterwegs. Wie verhält sich Hendrik Pohl bspw. im Biergarten?
Als Figur sieht er die Welt, gerät in Konflikte und probiert Reaktionsmuster aus, um später gemeinsam mit seinem Regisseur zu reflektieren, was an diesem Tag, wie und warum passierte oder nicht. So nähert sich Schauspieler Philippe Goos der Rolle und dem realen Menschen innerhalb seines Geflechts aus zwischenmenschlicher Beziehung an und übt im Gespräch auch die Situation im Hochsitz, in der Wohnung etc. ein.
Wahrnehmung im Sinne von Spüren, in welcher Umgebung man sich befindet, scheint einen entscheidenden Punkt im Koordinatensystem der Kulturfiliale-Projekte darzustellen – sowohl für Philippe Goos als Schauspieler als auch für den Zuschauer.
Wenn Philippe Goos die Figuren beschreibt, die er innerhalb dieser Zusammenarbeit spielte, den Mann im Hochsitz, dem er sich angenähert hat, den Mann in der Gartenlaube, den es nun zu ergründen gilt, denke ich: Wenn man in seinem Da-Sein eingeschlossen ist, wird es immer darauf ankommen, hinaus zu kommen.
Die Gruppe
Dass eine, gängigeren Darstellungsformen erweiternde Inszenierungsweise eine enorme Reichhaltigkeit des Theater-Erlebens kreieren kann, zeigen die Projekte der Kulturfiliale.
Es ist im besten Sinne ein echtes Kollektiv, das sich um den Regisseur Marco Štorman gebildet hat, in dem das Zusammen- bei der Arbeit im Mittelpunkt steht und man einander und der Idee voller Hingabe verbunden ist. Mit dem Verlassen des gemauerten Stadt-Theaters hinaus in die reale Stadt, mit der Art der Inszenierung und mit dem erzählten Stoff, den sie außerhalb der Dramenliteratur finden, begibt es sich auf das Terrain der „ungesicherten Kommunikation“. Vom so genannten `Repräsentationstheater´, das auf der Darstellung einer zweiten Welt beruht, haben sie sich entfernt.
Das Zusehen ist hier ein völlig anderes als auf eine Guckkastenbühne. Goos kommt nah an uns heran. Im Gespräch mit Philippe Goos im Hochsitz existiert keine vierte Wand. So kann der Zuschauer ganz anders Teil der Inszenierung werden. Eine Inszenierung bleibt es. Auch wenn die Grenzen des Theaters außerhalb seiner Mauern, – interessant, dass Gebäude und Kunstform identisch bezeichnet werden – flexibler, biegsamer, unklarer, unschärfer, weicher scheinen. Mit dem Zuschauer geschieht etwas. Er stellt sich im besten Fall die Frage, welche Rolle er in diesem großen Zusammenspiel übernimmt, übernehmen sollte oder - verweigert. „Natürlich“, fügt Philippe Goos an und schöpft aus Erfahrung „gibt es auch `spielresistente´ Menschen“. Sie lachen tiefer gehende Fragen weg, entziehen sich.
Vom Öffnen des Privat-Raums zum Privatraum in der Öffentlichkeit
Still, alles still, als wäre die Welt tot!“, die erste Produktion der Theatergruppe Kulturfiliale, war ein theatrales Experiment, ein Stück über einen Triebtäter, dessen Bühne eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Linden war. Für das Publikum ein Spiel ohne Sicherheitsabstand, ohne Rückzugsmöglichkeiten. Kein fester Text. Philippe Goos zeigte sich als Triebtäter Sebastian Thiel unsicher, höflich, getrieben.
Theatererlebnis fern von bequemem Konsum. Wann beginnt die Inszenierung? Bereits beim Betreten des kleinen Raums. Teilweise wird der Zuschauer selbst der Angeschaute, herkömmliche Theatergrenzen verwischen. Ist nicht plötzlich die Straße auch Teil der Inszenierung? Die Zuschauer nehmen Einfluss auf den Verlauf der Handlung, indem sie schweigen oder Fragen stellen oder agieren. Je nach Reaktion des Publikums fällt das verschieden aus. Jede Immer kann es unterschiedlich ablaufen.
Man kann die Arbeitsweise der Kulturfiliale mit der Methode der Feldforschung zusammen denken. Feldforschung bezeichnet eine empirische Methode, um Informationen mittels Beobachtung und Befragung im „natürlichen“ Kontext zu sammeln. „Teilnehmende Beobachtung“ – ein stehender Begriff der die Methode der Wissenssammlung durch Feldforschung mitdefiniert – wird hier so spontan wie systematisch vollzogen, indem man sich in einen bestimmten Lebensraum begibt und den Alltag der Menschen, von denen man erzählen möchte, zeitweise teilt. Wir wissen nun, wie sich der Schauspieler vorbereitet, wenn er als Kunstfigur tagelang durch die Welt geht. Nach Clifford Geertz, dem wirkungsmächtigen Ethnologen, der Kulturen verstehen und verständlich machen wollte, ist eine Methoden der Feldforschung das Festhalten, die Notation von Beobachtungen, Gedanken, Gefühlen, Problemen, Ängsten, typischer Sprache sowie das Verfassen von Gedächtnisprotokollen und das Analysieren z. B. durch Typenbildung und das abschließende Zusammenfassen des Beobachteten, das in der sog. „Dichten Beschreibung“ mündet. – Auch ein Begriff von Geertz: „Dichte Beschreibung“ unterscheidet sich von klassischer, distanzierterer Empirie vereinfacht gesprochen dadurch, dass der Forscher seine eigene Rolle und Herangehensweise in die Beschreibung mit aufnimmt. Es existierten keine reinen Daten, Interpretation schwinge stets mit, immer würden Erwartungen und Hintergrundwissen einfließen. Als Feld-Forschung könnte man die Vorgehensweise beschreiben, die Kulturfiliale anwendet, wenn ein Projekt Gestalt annimmt. Wenn Marco Štorman und Philippe Goos durch die Stadt ziehen und dort Reaktionen hervorrufen, Fragen aufwerfen, mit Zwischenräumen spielen – innerhalb einer Figur, und erst im nachhinein als Theatermacher analysieren, was da passiert ist. Die Fallstudie führt zur Feldforschung und die zum Projekt auf offenem Feld.
